Zuerst erschienen auf Englisch in Christian Daily International, 29.7.2026.
Die Vereinigten Staaten begehen den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Eine der Freiheiten, die am engsten mit dem amerikanischen Experiment verbunden werden, ist die Religionsfreiheit. Doch die Idee selbst ist älter als die Vereinigten Staaten, auch wenn es Zeit brauchte, sie in allen Bundesstaaten der USA umzusetzen. Der Jahrestag bietet daher einen passenden Anlass, an zwei frühere Meilensteine zu erinnern: Der englische Baptist Thomas Helwys war der erste überhaupt, der Religionsfreiheit für wirklich alle forderte. Er wurde – je nach Quellenlage – vor rund 450 Jahren geboren (um 1575/76) und starb vor etwa 410 Jahren im Gefängnis für sein bedeutendes Werk zur Religionsfreiheit. Roger Williams gründete, ausgehend von dieser Idee, vor 390 Jahren Providence, die erste politische Einheit, die in ihrer Verfassung die volle Religionsfreiheit, wie wir sie heute kennen, garantierte.
Das moderne internationale Konzept der Religions- und Weltanschauungsfreiheit (Freedom of Religion or Belief, FoRB) wird häufig als Produkt der Aufklärungsphilosophie oder des Völkerrechts nach 1945 dargestellt. Die im Jahr 2026 begangenen Jahrestage erinnern daran, dass eine ihrer tiefsten Wurzeln anderswo liegt: in der christlichen Theologie des frühen 17. Jahrhunderts. Zwar hatten schon viele Christen vor Helwys gegen religiöse Verfolgung argumentiert oder für mehr Toleranz plädiert, doch Thomas Helwys ging einen entscheidenden Schritt weiter. Er argumentierte nicht nur, dass bestimmte religiöse Minderheiten geschützt werden sollten. Er legte eine offene, nicht abschließende Liste vor und argumentierte, dass die weltliche Regierung keine von Gott gegebene Autorität über die Religion selbst habe.
Thomas Helwys wurde um 1575 in eine wohlhabende Familie in Nottinghamshire, England, geboren und am Gray’s Inn in London zum Juristen ausgebildet. Als Mitglied der englischen separatistischen Bewegung gelangte er zu der Überzeugung, dass die Church of England von der Ordnung des Neuen Testaments abgewichen sei. Als sich die Verfolgung unter König Jakob I. verschärfte, flohen Helwys und seine Gemeinde 1608 nach Amsterdam. Dort lehnte er zusammen mit John Smyth die Kindertaufe ab und trat für die Gläubigentaufe ein. Aus dieser kleinen Gemeinschaft entstand später die Bewegung der General Baptists. Anders als viele religiöse Flüchtlinge, die in den sicheren Niederlanden blieben, traf Helwys die bemerkenswerte Entscheidung, nach England zurückzukehren. Er wusste, dass Gefängnis die wahrscheinliche Folge sein würde. Doch er glaubte, dass England selbst die Botschaft hören musste, dass der Glaube nicht von der Krone befohlen werden kann.

Helwys Brief an König James I. (1612), der ihn sein Leben kostete © Public Domain
Das Buch, das ihn das Leben kostete
Kurz nach seiner Rückkehr veröffentlichte Helwys „A Short Declaration of the Mystery of Iniquity“ (1612), eines der mutigsten Bücher der Reformationszeit. Er sandte sogar ein Exemplar direkt an König Jakob I. Darin schrieb er einen der berühmtesten Sätze in der Geschichte der Religionsfreiheit:
„Denn die Religion der Menschen gegenüber Gott ist eine Sache zwischen Gott und ihnen selbst; der König wird dafür keine Rechenschaft ablegen müssen, noch darf der König Richter sein zwischen Gott und Mensch.“
Für Helwys war dies in erster Linie kein politisches, sondern ein theologisches Argument. Jeder Mensch muss sich persönlich vor Gott verantworten. Da der König nicht stellvertretend für das Gewissen eines anderen Menschen vor Gott Rechenschaft ablegen kann, hat er auch keine Autorität, über dieses Gewissen zu herrschen. Helwys begrenzte damit die Autorität des Staates, statt die Rechte der Regierung auszuweiten. Der Staat hatte schlicht keinen göttlichen Auftrag, die Religion zu kontrollieren. Helwys schrieb den Satz, für den er am besten in Erinnerung geblieben ist:
„Mögen sie Ketzer, Türken, Juden oder was auch immer sein – es steht der weltlichen Macht nicht zu, sie auch nur im Geringsten dafür zu bestrafen.“
Leser bemerken meist die Worte „Ketzer“, „Türken“ (der zeitgenössische englische Begriff für Muslime) und „Juden“. Für das frühe 17. Jahrhundert war diese Liste bereits erstaunlich weitreichend. Doch die wichtigsten Worte dürften die letzten beiden sein: „or whatsoever“, also „…oder was auch immer“.
Diese (im Englischen) zwei Worte verändern die gesamte Bedeutung des Satzes. Helwys stellte nicht länger eine längere Liste religiöser Gruppen zusammen, die Schutz verdienten. Stattdessen weigerte er sich bewusst, die Liste abzuschließen. Es ging ihm nicht darum, dass Christen neben anderen Christen auch Juden und Muslime tolerieren sollten. Sein Punkt war, dass die weltliche Obrigkeit keine Autorität hat, zu entscheiden, welche Religionen Freiheit verdienen und welche nicht. Mit anderen Worten: Helwys verlängerte nicht nur die Liste derer, die Anspruch auf Religionsfreiheit hatten – indem er die Worte „oder was auch immer“ hinzufügte, machte er solche Listen grundsätzlich überflüssig.
Religionsfreiheit hing nicht mehr davon ab, wer eine Person war oder was sie glaubte. Sie hing allein von der schlichten Tatsache ab, dass die Regierung keine Rechtsprechung über die Beziehung zwischen Gott und dem menschlichen Gewissen besaß. Das macht Helwys zu einer so außergewöhnlichen Gestalt. Sein Prinzip war offen – es galt nicht nur für die von ihm genannten Gruppen, sondern für alle.
König Jakob I. begrüßte Helwys’ Herausforderung der königlichen Autorität nicht. Kurz nach der Veröffentlichung seines Buches wurde Helwys verhaftet und im Newgate-Gefängnis in London inhaftiert. Er starb dort vermutlich um 1616 an den Folgen der harten Haftbedingungen. In diesem Sinne wurde Thomas Helwys zu einem Märtyrer der Religionsfreiheit – nicht weil er Freiheit nur für seine eigene religiöse Gemeinschaft suchte, sondern weil er darauf bestand, dass dieselbe Freiheit auch jedem zustand, dessen Glauben er selbst für irrig hielt.

Titelseite von „A Short Declaration of the Mistery of Iniquity“ © Public Domain
Roger Williams: Das Prinzip in die Praxis umgesetzt
Eine Generation später trug Roger Williams bemerkenswert ähnliche Überzeugungen über den Atlantik. Nachdem er aus der Massachusetts Bay Colony verbannt worden war, gründete Williams 1636 Providence. Dort errichtete er eine Gemeinschaft, in der die weltliche Regierung bewusst darauf verzichtete, den religiösen Glauben zu kontrollieren. Ob Williams die Schriften von Helwys kannte, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Historiker diskutieren diese Frage bis heute. Zweifelsfrei ist jedoch, dass Williams in der Praxis zeigte, was Helwys im Grundsatz verteidigt hatte: Eine Gesellschaft konnte geordnet und friedlich bleiben, ohne dem Staat Autorität über die Religion zu geben. Providence selbst blieb noch viele Jahre eine Ausnahme. Die Religionsfreiheit verbreitete sich nur allmählich in dem, was später die Vereinigten Staaten werden sollten. Die amerikanische Tradition begann daher nicht erst 1776; ihre Wurzeln reichen weiter zurück – zu früheren theologischen und verfassungsrechtlichen Einsichten.

Titelseite von Roger Williams „The Bloudy Tenent of Persecution“ (1644) © Public Domain
Ein erinnerungswürdiges Vermächtnis
Thomas Helwys war der früheste – heute bekannte – christliche Autor, der ein explizites, offenes Verständnis von Religions- und Weltanschauungsfreiheit formulierte. Sein Anliegen war nicht einfach, bestimmte Minderheiten zu schützen, sondern der weltlichen Obrigkeit jede Autorität abzusprechen, zu entscheiden, wer Religionsfreiheit genießen sollte.
Roger Williams zeigte später, dass dieses Prinzip zur Grundlage eines funktionierenden politischen Gemeinwesens werden konnte. Gemeinsam erinnern sie uns daran, dass eine der heute am meisten geschätzten Freiheiten nicht als aufklärerische Theorie oder verfassungsrechtliche Neuerung begann. Sie entsprang zunächst zutiefst biblischen und christlichen Überlegungen zur Souveränität Gottes, zur Würde des Gewissens und zu den Grenzen der weltlichen Regierung.
Während die Vereinigten Staaten ihren 250. Jahrestag begehen, lohnt es sich, an diese tieferen Wurzeln zu erinnern. Der Weg zur amerikanischen Religionsfreiheit begann nicht in Philadelphia, sondern mit einem englischen Gefangenen, der es wagte, seinem König zu sagen, dass die Krone keine Autorität über das menschliche Gewissen habe – und mit einem verbannten kolonialen Dissidenten, der bewies, dass eine solche Freiheit tatsächlich ein Gemeinwesen tragen konnte.