Ansprache von Thomas Schirrmacher in Oberhausen
Geliebter Apostel Dr. Eric Kwabena Nyamekye,
geliebter Bischof Bill – Vorsitzender und Bischof Dr. William Wilson,
liebe Apostel, Bischöfe sowie hier versammelte globale und regionale Leiter,
liebe Pastoren und Älteste, Mitdiener und Hirten in Gottes Herde,
liebe Brüder und Schwestern in Christus,
es ist ein Vorrecht, Sie alle im Namen unseres geliebten Herrn und Erlösers Jesus Christus in Europa und in Deutschland willkommen zu heißen. Es ist mir eine Ehre, unter Brüdern und Schwestern vom afrikanischen Kontinent zu sein, auf dem die Kirche Jesu Christi außergewöhnliches Wachstum, große Ausdauer und geistliche Vitalität erlebt hat.
Es ist ein Vorrecht, mit Ihnen zusammen zu sein. Ich sehe die Kirchen Afrikas als ein lebendiges Beispiel für das, was der Heilige Geist in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg weltweit getan hat. Trotz Kriegen, Kolonialismus und seiner bleibenden Folgen, Armut, politischen Umbrüchen, Verfolgung und Finanzkrisen und trotz mächtiger säkularer und religiöser Ideologien sind die Kirche Jesu Christi und die Weltmission so global geworden wie niemals zuvor. Das bedeutet nicht, dass unsere Aufgabe erfüllt wäre. Aber noch nie waren der weltweite Charakter der Kirche Christi und die gemeinsame Verantwortung für die Weltmission so sichtbar.
Afrikaner gehörten zu den frühesten Zeugen des Evangeliums, an die man sich im Gebiet des heutigen Deutschlands und Mitteleuropas erinnert. Und wenn, wie ein altes christliches Wort sagt, das Blut der Märtyrer der Same der Kirche ist, dann ist das Opfer afrikanischer Christen in die allerersten Anfänge der Kirchengeschichte dieses Teils Europas eingewoben.
Zu den frühesten christlichen Zeugen, deren Andenken in den römischen Grenzgebieten nördlich der Alpen bewahrt wurde, gehörten Soldaten, die der Überlieferung zufolge aus Ägypten in Afrika stammten. Der römische Kaiser hatte einen Teil des in Ägypten stationierten römischen Heeres, die Thebäische Legion, an den Rhein beordert, um die Grenze gegen die germanischen Völker zu verteidigen. In Ägypten war das Christentum bereits lebendig und hatte auch höhere Ränge des Militärs erreicht. Der Überlieferung zufolge erlitten viele ihrer Offiziere, deren Namen bis heute in Erinnerung sind, wegen ihres christlichen Glaubens das Martyrium. Ihre Verehrung wurde später für bedeutende Zentren christlichen Lebens von Agaunum (heute Saint-Maurice) und Solothurn bis Trier, Köln, Bonn und Xanten prägend.
Wir versammeln uns heute in Oberhausen, einer vergleichsweise jungen Stadt. Doch nur wenige Kilometer rheinabwärts liegt Xanten, ein bedeutendes römisches Militärzentrum. Nach alter christlicher Überlieferung gehörten Viktor, ein römischer Offizier, und seine Gefährten zur Thebäischen Legion, deren Soldaten aus Ägypten in Afrika stammten, und erlitten für ihren Glauben das Martyrium. Die Überreste der großen römischen Militärpräsenz können heute noch in Xanten als UNESCO-Welterbe besichtigt werden, während über den alten, mit den Märtyrern verbundenen Gräberfeldern schließlich die große Kirche St. Viktor entstand, der heutige Xantener Dom.
Sogar der Name Xanten wird traditionell vom lateinischen ad sanctos – „bei den Heiligen“ – abgeleitet und auf die Märtyrer bezogen. Mit anderen Worten: Die Erinnerung an diese frühen christlichen Märtyrer war an diesem Ort so tief verwurzelt, dass sie schließlich sogar der Stadt ihren Namen gab. Wir sprechen also nicht nur über eine moderne Beziehung zwischen afrikanischen und europäischen Kirchen. Diese Beziehung reicht bis zu den Anfängen des Christentums in dieser Region zurück.
Afrikanische Märtyrer des vierten Jahrhunderts,
die als frühe Heilige in bedeutenden Kirchen
Deutschlands und der Schweiz verehrt werden
- Xanten: St.-Viktor-Dom – Viktor, Mallosus und ihre Gefährten
- Köln: Basilika St. Gereon – Gereon und seine Gefährten
- Bonn: Bonner Münster – Cassius, Florentius und ihre Gefährten
- Trier: St. Paulin – Thyrsus, Palmatius und ihre Gefährten
- Mainz: St. Alban – Alban von Mainz und seine Gefährten
- Solothurn: St.-Ursen-Kathedrale – Ursus, Viktor und ihre Gefährten
- Saint-Maurice (Agaunum): Abtei Saint-Maurice – Mauritius, Exuperius, Candidus und die Thebäische Legion
Heute möchte ich Sie erneut zu einer Mission auf meinen geliebten Kontinent Europa rufen. Europa war einst eines der großen Zentren, von denen aus das Evangelium in viele Teile der Welt, darunter auch Afrika, getragen wurde. Heute jedoch braucht Europa selbst wieder Missionare – Brüder und Schwestern, die das Evangelium in die Herzen seiner Menschen tragen.
In einem Dokument, an dessen Erarbeitung ich zu meiner Ehre mitwirken durfte, erklärten der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen des Vatikans, der Ökumenische Rat der Kirchen und die Weltweite Evangelische Allianz im Jahr 2011 gemeinsam: „Mission gehört zum Wesen der Kirche.“ Das ist so, weil Gott selbst ein missionarischer Gott ist.
- Gott war der erste Missionar. Als die Menschheit im Garten Eden sündigte, kam Gott selbst in den Garten, um Adam und Eva zu suchen, und fragte: „Wo bist du?“
- Jesus ist der Missionar im umfassendsten Sinne. Er wurde von seinem Vater gesandt. Durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung verwirklichte er die gute Nachricht des Heils und verkündigte der Menschheit das Reich Gottes.
- Und der Heilige Geist ist der große Missionar durch die gesamte Geschichte der Kirche hindurch, denn er war bei jeder echten Bekehrung am Werk, rief Menschen zu Christus und bevollmächtigte die Kirche zum Zeugnis.
Doch Vater, Sohn und Heiliger Geist haben beschlossen, die Kirche ganz in diese Mission einzubeziehen.
Ein eindrückliches biblisches Beispiel ist die Geschichte davon, wie das Evangelium von Asien nach Europa gelangte. Apostelgeschichte 16,9–10 berichtet, dass Paulus in der Nacht eine Vision hatte: Ein Mann aus Mazedonien stand vor ihm und bat ihn: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ Nachdem Paulus diese Vision gesehen hatte, machten er und seine Gefährten sich sofort bereit, nach Mazedonien aufzubrechen, weil sie daraus schlossen, dass Gott sie berufen hatte, dort das Evangelium zu verkündigen. Durch eine Vision und die Führung des Heiligen Geistes rief Gott seine Boten dazu, nach Europa überzusetzen.
Nach vielen Jahren der Erfahrung mit dem weltweiten Leib Christi und der Beschäftigung mit der Lage der Kirchen in Europa hat der Heilige Geist mir eine schwere Last aufs Herz gelegt. Heute möchte ich diesen biblischen Ruf an die Kirchen Afrikas wiederholen:
„Komm herüber und hilf uns!“ (Apostelgeschichte 16,9–10)
Liebe Jünger Jesu in Afrika, ich bitte Sie: Helfen Sie mit, das Evangelium neu nach Europa zu bringen.
1. Europa braucht das Zeugnis afrikanischer Christen, die die Kraft des Gebets, die Wirklichkeit christlicher Gemeinschaft, das Vertrauen auf die Heilige Schrift und die Abhängigkeit vom Heiligen Geist kennen. Viele Europäer leben in tief säkularisierten Gesellschaften, und viele historische Kirchen tun sich schwer damit, das Evangelium mit Überzeugungskraft zu vermitteln. Ich habe erlebt, wie Gott durch die Liebe, das Gebet, die Freude und das persönliche Zeugnis von Christen aus Afrika und anderen Teilen der Welt Herzen öffnen kann, die jahrzehntelang verschlossen schienen.
2. Helfen Sie uns, Menschen aus vielen kulturellen und religiösen Hintergründen zu erreichen, die heute in Europa leben, darunter Muslime aus Afrika, dem Nahen Osten und Asien. Viele haben Krieg, Vertreibung, Enttäuschung oder religiöse Konflikte erlebt und suchen nach Frieden, Hoffnung, Würde und echter Gemeinschaft. Christen aus Afrika können oft Beziehungen über kulturelle Grenzen hinweg aufbauen und dadurch das Zeugnis europäischer Christen bereichern.
Dies könnte ein bedeutsamer Zeitpunkt für das christliche Zeugnis unter Muslimen und anderen Migrantengemeinschaften in Europa sein. Wir sollten jedem Menschen mit Liebe, Respekt, Demut und unter Achtung der Gewissensfreiheit begegnen und ohne Zwang Zeugnis für Jesus Christus ablegen. In Deutschland und anderswo in Europa habe ich erlebt, wie Migranten und Flüchtlinge Interesse am christlichen Glauben entwickelten und in Kirchen neue Gemeinschaft fanden.
Die afrikanische Kirche kommt nicht lediglich als Empfängerin eines alten missionarischen Erbes nach Europa. Afrikanische Christen sind vollwertige Teilnehmer am weltweiten Leib Christi und an der Weltmission. Die Geschichte des Christentums selbst erinnert uns daran, dass Afrika nicht am Rand der christlichen Geschichte steht: Von Ägypten und Nordafrika bis Äthiopien und darüber hinaus haben afrikanische Christen die Kirche seit ihren frühesten Jahrhunderten geprägt. Heute hat Afrika erneut Gaben, die die weltweite Kirche dringend braucht.
Darum, Kirchen in Afrika, hört den Ruf:
„Kommt herüber und helft uns!“
Sendet Missionare, Pastoren, Theologen, Gemeindegründer, Evangelisten, Studenten, Fachkräfte, Familien und Menschen des Gebets. Gründet Gemeinden, die zugleich tief im Evangelium verwurzelt und fähig sind, Menschen über kulturelle Grenzen hinweg zu dienen. Arbeitet mit treuen europäischen Kirchen zusammen. Übertragt nicht einfach afrikanisches Gemeindeleben nach Europa; bringt eure geistlichen Gaben ein, während ihr zugleich zuhört, lernt und den Menschen und Kulturen dient, unter die Gott euch stellt.
Und diese Mission darf niemals zu einer Umkehrung alter Muster der Überlegenheit werden. Mission bedeutet nicht, dass Afrika Europa ersetzt, und ebenso wenig, dass Europa Afrika dirigiert. Es ist der eine Leib Christi, der gemeinsam dient. Das Zentrum des Christentums ist weder Europa noch Afrika, weder Asien noch Amerika. Das Zentrum ist Jesus Christus.
Ich bete dafür, dass wir alle mit dem Heiligen Geist erfüllt werden. Nach den Worten Jesu ist er es, der die Welt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht überführt (Johannes 16,8). Und doch hat er sich entschieden, uns als seine Zeugen zu gebrauchen. Deshalb haben wir das Vorrecht, nicht nur von Christus zu sprechen, sondern auch die mächtigen Taten Gottes vor unseren eigenen Augen zu sehen.