Mastodon 50. Jalsa Salana der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland – Thomas Paul Schirrmacher
 
 

Rede von Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher

Mendig, 4. September 2026

Meine Damen und Herren, liebe Freunde,

es ist mir eine große Ehre, bei der 50. Jalsa Salana der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Deutschland zu Ihnen sprechen zu dürfen, mit angekündigten 48.000 Teilnehmern die größte, die sie je hatten.

Ich habe bereits mehrfach bei der Jalsa Salana in Deutschland und in London gesprochen. Vor etwa zehn Jahren habe ich hier sogar über genau das Thema gesprochen, über das ich heute leider wieder sprechen muss: die Verfolgung der Ahmadiyya und die Religionsfreiheit.

Ich hätte mir sehr gewünscht, zehn Jahre später sagen zu können: Die Situation hat sich grundlegend verbessert. Leider kann ich das nicht.

Meine Verbindung zur Ahmadiyya reicht weit über diese Veranstaltungen hinaus. Ich hatte dreimal Gelegenheit, den Kalifen der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Hadhrat Mirza Masroor Ahmad, persönlich zu treffen – zweimal hier in Deutschland und einmal in London. Solche Begegnungen gehören für mich zu einem Dialog, der theologische Unterschiede nicht verschweigt, aber zugleich für die Religionsfreiheit des anderen eintritt.

Heute leben rund 50.000 Ahmadis in Deutschland. Viele von ihnen oder ihre Familien kamen nicht freiwillig hierher. Sie kamen, weil ihnen in ihrer Heimat grundlegende Rechte verweigert wurden – weil sie wegen ihres Glaubens diskriminiert, bedroht oder verfolgt wurden.

Man hätte hoffen können, dass die Umstände, die so viele Ahmadis nach Deutschland gebracht haben, inzwischen Geschichte wären. Leider ist das Gegenteil der Fall. In einigen Ländern besteht die Verfolgung unvermindert fort.

Besonders dramatisch ist die Lage in Pakistan.

Seit 1974 werden Ahmadis durch die pakistanische Verfassung ausdrücklich zu Nichtmuslimen erklärt. Seit 1984 ist es ihnen unter Strafandrohung verboten, sich als Muslime zu bezeichnen oder ihren Glauben in einer Weise auszuüben und darzustellen, wie es für andere Muslime selbstverständlich ist.

Die U.S. Commission on International Religious Freedom, USCIRF, fasste die Situation im Dezember 2025 mit erschreckender Klarheit zusammen:

„Die muslimische Ahmadiyya-Gemeinschaft Pakistans wird weiterhin schwerwiegend und systematisch von der Regierung verfolgt.“

Und wenige Monate zuvor sprach der stellvertretende Vorsitzende der USCIRF von

„einem alarmierenden Muster systematischer, anhaltender und schwerwiegender Gewalt gegen die muslimische Ahmadiyya-Gemeinschaft Pakistans.“

Hier geht es also nicht nur um gesellschaftliche Vorurteile. Es geht um gesetzlich verankerte Diskriminierung, Strafverfolgung und zugleich um Gewalt durch nichtstaatliche Akteure.

Ich appelliere deshalb an die Regierung Pakistans: Gewähren Sie den Ahmadis endlich die gleichen Bürgerrechte wie allen anderen Pakistanern und garantieren Sie ihnen die volle Religionsfreiheit.

Auch in Indonesien, der größten muslimisch geprägten Demokratie der Welt, ist die Situation besorgniserregend.

Christian Solidarity Worldwide stellte 2025 fest:

„Die Einschüchterung der Ahmadiyya hält an, und die Aktivitäten der Ahmadiyya werden weiterhin eingeschränkt.“

Und derselbe Bericht beschreibt, dass extremistische Gruppen weiterhin Ahmadiyya-Gemeinschaften angreifen und dass

„in den meisten Fällen […] die Strafverfolgungsbehörden die Opfer und religiösen Minderheiten nicht angemessen schützen, wodurch bei den Tätern ein Gefühl der Straflosigkeit entsteht.“

Indonesien hat eine lange Tradition religiöser Vielfalt. Gerade deshalb muss ein demokratischer Rechtsstaat sicherstellen, dass diese Vielfalt auch diejenigen einschließt, deren religiöse Überzeugungen von der Mehrheit abgelehnt werden.

Ich appelliere an die Regierung Indonesiens: Schützen Sie die Ahmadiyya vor Gewalt und Einschüchterung, beseitigen Sie die Einschränkungen ihrer Religionsausübung und garantieren Sie ihnen dieselben Bürgerrechte und dieselbe Religionsfreiheit wie allen anderen Indonesiern.

Schließlich Malaysia.

Auch hier dokumentiert USCIRF die Diskriminierung der Ahmadiyya. Die Kommission stellt fest:

„Ahmadiyya-Muslime sind […] auch in Malaysia Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt.“

USCIRF beschreibt außerdem, wie Behörden gegen Ahmadis vorgehen, indem sie

„ihre Religionsausübung eingeschränkt und sie wegen der Ausübung ihres Glaubens strafrechtlich verfolgt“

haben.

Gerade weil die Ahmadiyya in Malaysia nur eine sehr kleine Minderheit darstellt, ist ihre Behandlung ein wichtiger Test dafür, wie ernst ein Staat die Religionsfreiheit tatsächlich nimmt.

Deshalb appelliere ich an die Regierung Malaysias: Gewähren Sie den Ahmadis die vollen Bürgerrechte und die volle Freiheit, ihren Glauben friedlich zu bekennen, auszuüben und weiterzugeben.

Religionsfreiheit ist kein Privileg für Mehrheiten. Sie ist auch kein Privileg für Religionen, deren Lehren der Staat oder die Mehrheit für richtig hält. Religionsfreiheit beweist sich gerade dort, wo Menschen Überzeugungen vertreten, die andere für falsch halten.

Als Menschenrechtler und als Christ verteidige ich deshalb die Religionsfreiheit der Ahmadiyya nicht, weil ich ihre theologischen Überzeugungen teile. Ich verteidige sie, weil Religionsfreiheit unteilbar ist.

Und lassen Sie mich zum Schluss noch auf etwas zurückkommen, das wir hier auf der Jalsa Salana ganz praktisch erlebt haben.

Die Ahmadiyya lehrt ihre Mitglieder ausdrücklich, die Gesetze des Landes zu achten, in dem sie leben, und loyale Bürger dieses Landes zu sein. Deshalb gehört zu dieser Jalsa Salana auch die Flaggenzeremonie mit dem Hissen der deutschen Flagge. Ich hatte soeben erneut die Ehre, an dieser Zeremonie teilzunehmen.

So sehr ich mich über Ihre Integrationsleistung in Deutschland freue, so sehr wünsche ich mir dennoch, dass eines Tages kein Ahmadi mehr seine Heimat verlassen und in ein anderes Land fliehen muss, um die Religionsfreiheit und die gleichen Bürgerrechte zu erhalten, die jedem Menschen zustehen.

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